Identität zwischen Kunst und Leben

Wie mir von etlichen Seiten dargelegt wurde, ist das Leben eines Blogs, seine regelmäßige Fütterung mit aktuellen Beiträgen, notwendig. Auch ich kann erkennen, daß Texte, Diskussionen, Gespräche und die Schaffung einer begrenzten Öffentlichkeit in unserem Kunstprojekt unverzichtbar sind, um diese Kunstpraxis zu begründen und zu explizieren. Ein Projekt sollte nicht leben wie ein Toter.

Die wachsende Kommerzialisierung der Kunst, die heute im globalen Rahmen zu erleben ist, führt nämlich alle diejenigen Kunstpraktiken zum Verlust der Öffentlichkeit, die sich nicht leicht, aus welchen Gründen auch immer, kommerzialisieren lassen oder sich aktiv einer Kommerzialisierung widersetzen.

Bei einem Kunstprojekt wie zum Beispiel dem der „AcadémieGalan“ bildet sich die Öffentlichkeit nur durch die teilnehmenden Künstler, Gäste, Freunde, Besuchern und Helfern. Das hat Vorteile und Nachteile. Der Nachteil besteht in der Isolation vom breiten Publikum. Doch diesen Nachteil kann man auch als Vorteil sehen: Das Publikum, dem die Werke und die Arbeitsweise anschaulich werden, ist nicht gleichgültig, sondern von anfang an interessiert, involviert und kollaborativ gestimmt. Alles wird gern und zugeneigt diskutiert, analysiert und interpretiert. Ein Fest der Rezeption. Die Produktion der Werke, die es ja gibt, scheint wie ein Vorwand für diese Ereignisse der Geselligkeit zu sein, vorderhand. Begegnungen mit Dingen, Ereignissen und Menschen, die man vorher nicht hat absehen können und gerade deswegen die Gemeinsamkeit auf Zeit wahrzunehmen und aktiv mitzugestalten.

Das Geschehen in solch einer Situation, ich möchte es Kunstpraxis nennen, stellt die Frage neu, inwieweit sich die Kunst in dem manifestiert, was uns üblicherweise als Kunst dargeboten wird. Das Kunstwerk wird traditionell als etwas verstanden, das die Kunst in sich verkörpert, sie unmittelbar präsent, anwesend, anschaulich macht. Gehen wir in eine Kunstausstellung, ist üblicherweise das, was wir dort sehen, Kunst. Solche Werke können auf die eine oder andere Art auf etwas verweisen, was sie nicht sind, aber sie verweisen nicht auf die Kunst, denn sie sind Kunst. Bei dem Kunstprojekt „AcadémieGalan“ verhält es sich anders: Nichtkunst als Kunst verweist auf das, was sie nicht ist, nämlich Kunst. Die Kunst ist hier in den Werken nicht mehr präsent und anschaulich. Sie tritt nicht in Objektform auf, nicht als Ergebnis und Produkt einer „kreativen“ Aktivität. Vielmehr ist die Kunst diese Aktivität selbst, die Kunstpraxis als solche. Dementsprechend sind die entstandenen und entstehenden Objekte vorerst Objekte der Nichtkunst und somit weder die Vergegenwärtigung eines vergangenen Kunstereignisses noch das Versprechen eines kommenden Kunstwerkes, sondern der einzig mögliche Verweis auf eine Kunstaktivität, die gar nicht auf andere Weise dargestellt werden könnte als mittels dieses Kunstprojektes.

Für diejenigen, die sich der Entwicklung eines Kunstprojektes statt der Produktion von Kunstwerken widmen, ist die Kunst mit dem Leben identisch, weil das Leben im Wesentlichen eine reine Aktivität ist, die zu keinem vorhersagbaren Ergebnis führt. So scheint die Identität zwischen Kunst und Leben erreicht, die ja von der Kunst der Moderne so lange gesucht wurde.

Die präsenten Objekte der Nichtkunst im Kunstprojekt „AcadémieGalan“ sind nicht so sehr solide, materielle Objekte im Sinne der Kunst, sondern sie sind vielmehr Zeichen, die erst durch ihre Interpretation, durch ihre Einschreibung in bestimmte Assoziations- und Konnotationsnetze so etwas wie Realität oder Präsenz im Raum der Kunst bekommen. Deswegen kommen wir zusammen, deswegen spreche ich, was ich als künstlerische Praxis verstanden wissen will und deswegen schreibe ich manchmal, hier und auch anderswo. Was ja einer Kunstdokumentation entspricht. Diese kompensierende, manchmal vorauseilende, meist jedoch nachträgliche Interpretation ist veranstaltete Manifestation des Lebens – eines Lebens, das von Anfang dieses Projektes an ein Leben in einem Kunstprojekt ist.

3 Responses to “Identität zwischen Kunst und Leben”

  1. ich versprach, mich zu kümmern…..ich fürchte , ich habe mich versprochen…..finde den Text von Dir ausgesprochen ! anregend -und er macht mich eigentlich sprachlos. – Schon wieder .

    cut:
    – Herr ich habe das Gebet vergessen…. aber ich kann Dir die Geschichte vom Vergessen des Gebetes erzählen . Wer immer das schrieb (Lyotard ?), das ist der Punkt an dem ich mich als Künstlerin wieder und wieder finde.

    Ich spreche dann von einen Denkraum, der im Denken kein Sprachraum ist, weil ihm dafür die Organisation/Struktur fehlt …vgl. die innere Leere /
    -nicht im Sinne von „nichts da“: Dort bewegt sich Vieles und lässt sich nicht halten. -Unausgesprochen haltlos/- ein Raum als Nichtraum.

    Die Frage ist, wie halte ich das als Künstler/In auf Dauer aus, wenn ich feststelle, daß die Bedeutungslosigkeit der Objekte in nicht (direkt) anschaulicher Kunst ,wie im Leben, gleichermaßen zeichenhaft auf die Kunstpraxis als Kunst verweist?

    Es ist gut, dann einen Raum (i.S. von Ort) zu wissen,…Dein Bruder nennt es auf facebook „Kommunikationssuppe“, in dem (um „mit der Suppe zu sprechen“: innen drin/verinnerlicht/sich einverleibend ) über diese und andere Fragen der Sprachlosigkeit gesprochen werden kann.

    Letztlich geht es doch um gedankliche Verdauungsprozesse und ritualisierte Schaffung von PlattformenRäumen, auf denen solche Prozesse stattfinden können…das hilft ganz banal ,uns Künstlern, durchzuhalten, weiter zu arbeiten. In diesem Sinne hoffe ich mit und für Alle, daß dieser Blog wahrgenommen wird.

    Katja Romeyke

  2. Yüksel sagt:

    Hallo Katya,

    es ist sehr gut gelungen finde ich.
    Tolle Aufsatz über -Kunst, nicht Kunst- Acamedi Galan. Ich werde auf jeden fall regelmäßig vorbeischauen.
    yüksel

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